1. April 2011

Schule der Liebe



Als Schüler musste ich durch die Leiden des jungen Werthers und später, bei meiner ersten Anstellung, lernte ich die Leiden eines jungen Lehrers kennen.

Die Schülerin, die sich in mich verliebte, hieß Jasmin. Als ich eine Klassenarbeit korrigierte, fand ich in ihrem Heft einen Brief an mich. Die nächsten Briefe fand ich entweder in meiner Manteltasche, dem Klassenbuch oder am Gepäckträger meines Fahrrades.

Ich wollte Jasmin die Unannehmlichkeit eines direkten Gesprächs mit mir ersparen und bat ihre Mutter zu mir. Die Mutter versprach, mit Jasmin zu reden, und zum Abschied kniff sie mich in den Po. Und anstatt Briefe von Jasmin zu erhalten, erhielt ich von nun an Geschenke von ihrer Mutter: erst einen selbstgebackenen Kuchen, dann eine Krawatte, eine Flasche Cognac, Karten fürs Kino, Karten fürs Theater, …

Um die Energien der Mutter von mir abzulenken, plante ich zwischen ihr und Jasmin eine Krise. Die Tochter sollte erfahren, dass auch ihre Mutter in mich verliebt war. Und so schrieb ich in der Pause heimlich an die Tafel: Jasmins Mutter steht auf Herr Mars.

Und tatsächlich: Die Geschenke hörten auf. Unschöner Nebeneffekt: Jasmin wurde zum Mobbingopfer von Sabrina, der Oberbitch der Klasse. Um die beiden Mädchen zu neutralisieren, schrieb ich an die Tafel: Und Sabrinas Mutter fickt mit Justin Bieber.

Endlich war Ruhe eingekehrt. Dachte ich…

… bis nach der Stunde der schüchterne Mirko zu mir kam, rumdruckste und dann fragte, ob ich seinen Onkel kennen lernen will.

Ich antwortete ihm zweierlei: „A) Hab gerade keinen Bedarf. B) Ich weiß, wie dein Onkel aussieht.“


Mein Mitbewohner schaut mir über die Schulter und liest, was ich gerade geschrieben habe. „Du wirkst irgendwie überheblich in dem Text“, meint er. „Tom, du inszenierst dich als ein Objekt der Begierde, das jedoch selbst gar keine Begierden hat und alle abblitzen lässt.“

Ich habe keine Begierden? – Ich schreibe die Geschichte um. Und jetzt begehre ich:

Ich begehre eine minderjährige Schülerin und schreibe ihr Briefe über Briefe. Ach, was, Briefe! Bloß Briefe? Romane schreibe ich ihr.

Und weil es mir nicht reicht, nur die Schülerin zu begehren, begehre ich ihre Mudder gleich mit! Erst schenke ich der eine Flasche Prosecco, dann Netzstrümpfe, BHs, das teuerste Parfum, das ich bei Douglas kaufen kann, Karten fürs Musical, Karten für Robbie Williams, …

Und nach dem Unterricht nehme ich den schüchternen Mirko beiseite und sag ihm: „Eye, wenn du mir ein Date mit deinem Onkel klarmachst, kriegst du ein Eis!“