13. Mai 2012

Schlagersängerin und Bollerwagen

Was ist der größte Unterschied zwischen einem homo- und einem heterosexuellen Mann fortgeschrittenen Alters? – Der heterosexuelle Mann betrinkt sich am Vatertag mit Bier, das er im Bollerwagen hinter sich herzieht, während der schwule Mann sich vor einer Schöneberger Homokneipe betrinkt, wo ein Straßenfest stattfindet, auf dem seine Lieblingsschlagersängerin auftritt.

Während mein Mitbewohner also mit einem Bollerwagen durch den Mauerpark schwankt, wanke ich im Takt der Lieder meiner Lieblingsschlagersängerin. Und ich sinniere darüber, wie oft ich die Schallplatten dieser Frau damals zu Mauerzeiten in den Osten bringen musste, um den Jungs dort eine Freude zu bereiten.

Als Teenager hatte ich grundsätzlich nur Affären im Osten. Ich fand es romantisch, dass jeder Abschied ein Abschied für immer sein konnte. Einen Jungen habe ich gar so sehr geliebt, dass ich ihm am Ende des Abends meine Levi’s 501 geschenkt habe. Und anstatt mir im Austausch dafür von ihm eine Osthose geben zu lassen, bin ich trunken vor Liebe und Alkohol in Unterhose zur Grenze zurückgegangen.

Erst am nächsten Morgen wurde ich nach langem Verhör endlich wieder in den Westen gelassen und durfte von da an nicht mehr in den Osten einreisen. Dabei hatte ich doch noch so viele Pläne, die ich in Ostberlin verwirklichen wollte! Einen Puff wollte ich dort aufmachen und den Nutten und Strichern solvente Kundschaft aus dem Westen zuführen.

Diese Idee war mir gekommen, als ich Rhett Butler in „Vom Winde verweht“ sagen hörte, dass sich beim Aufbau eines Landes viel Geld verdienen ließe, beim Untergang eines Landes jedoch noch weitaus mehr.

Im Frühjahr 1989 zog ich bei meinen Eltern aus und meine Matratze in einer Kreuzberger WG wurde arg beansprucht. Nachdem ich im Osten keine Männer mehr aufreißen konnte, schlief ich nun mit Touristen – an West-Berlinern zeigte ich nach wie vor kein Interesse.

Die Touristen kamen und gingen und vergaßen ständig Sachen bei mir, die sie sich, weil sie von anderswo kamen, nicht einfach so eben wieder abholen konnten. Daher stapelten sich in der Wohnung Kleidungsstücke, Armbanduhren, Bücher, Handtücher, Duschgels, Zahnbürsten, Musikkassetten, Walkmans und was sonst nicht noch alles.

Und dann fiel am 9. November 1989 die Mauer und in mir reifte erneut ein Businessplan, wie ich mit dem Osten Geld verdienen könnte. Ich packte den Krempel ein, den meine Liebhaber bei mir vergessen hatten, und postierte mich damit am Schlesischen Tor, direkt an einer Bankfiliale.

Die Ossis kamen über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg marschiert, holten sich in der Bank ihre 100 DM Begrüßungsgeld ab und wohin fiel ihr Blick als erstes, wenn sie aus der Bank kamen? – Genau. Auf einen Tapeziertisch, angefüllt mit Westwaren, die ein junger Westler feilbot.

Das Zeug war schnell ausverkauft und als nächstes entrümpelte ich den Keller meiner Eltern und die Keller der Freunde meiner Eltern, um an Nachschub zu kommen. Außerdem vögelte ich mit noch mehr Touristen als zuvor, in der Hoffnung, dass sie etwas bei mir vergaßen.

Und einer vergaß zwei Tickets für ein Konzert einer Schlagersängerin, die später zu meiner Lieblingsschlagersängerin werden sollte. Diese Tickets waren das letzte, was am Ende eines langen Tages noch auf meinem Tapeziertisch lag. Ein Ostberliner Junge meines Alters interessierte sich für die Tickets, konnte sich aber nicht recht entscheiden. Weil eigentlich würde er sich für sein Begrüßungsgeld gern eine Jeansjacke kaufen.

Ich schenkte ihm die Tickets unter der Bedingung, dass wir zusammen zu dem Konzert gehen. Er half mir, den Tapeziertisch abzubauen und nach Hause zu tragen. Am folgenden Tag gingen wir eine Jeansjacke kaufen und in der Woche drauf trampten wir nach Heilbronn, wo das Konzert stattfand.

An solche Geschichten denken homosexuelle Männer fortgeschrittenen Alters, wenn sie am Vatertag vor einer Schöneberger Kneipe stehen und sich ein Konzert ihrer Lieblingsschlagersängerin anschauen. Und ich frage mich, welche Sentimentalitäten wohl ein heterosexueller Mann mit dem Bollerwagen verbindet, mit dem er an diesem Tag umherzieht.