17. September 2012

Outback Pride

Du bist vielleicht schon zum CSD nach Berlin, Hamburg, München oder Köln gereist. Aber stell dir vor, du würdest stattdessen nach Altötting, Oberammergau, Hoyerswerda und Cloppenburg fahren, um dich über die dortige Lebenssituation von Homosexuellen zu informieren und ihre Lage verbessern zu wollen.

Dieser Artikel handelt von Daniel Witthaus, 36, der im Jahr 2010 die große Stadt hinter sich ließ und sich in einem auf den Namen Bruce getauften Geländewagen ins Hinterland aufmachte. Allerdings nicht in Deutschland, sondern in Australien. Für 38 Wochen verabschiedete sich Daniel von Melbourne und begab sich an Orte, die Namen tragen wie Mount Isa, Broken Hill, Alice Springs oder Broome. Seine Mutter war überzeugt, dass ihrem Sohn Schaden zugefügt werden würde, und wollte nicht, dass er fährt.


Ich treffe ihn unversehrt während eines halbjährigen Aufenthalts in Berlin, wo er gerade ein Buch über seine Tour schreibt. „Ich bin in Berlin viel entspannter und kann produktiver arbeiten als in Australien, wo ich eher ein Workaholic bin.“

Das erste Mal besuchte er Deutschland im Jahr 2001, dann erneut 2005 und seitdem kam er mit Ausnahme von 2010 jedes Jahr her. Beim ersten Aufenthalt fuhr er auch an die Ostsee nach Eckernförde, wo sein Vater geboren wurde, die Stadt aber als 4-Jähriger gen Australien verließ. „Ich wollte sehen, wo mein Vater aufgewachsen ist“, erzählt Daniel, „aber ich fand heraus, dass das Haus abgerissen wurde und sich dort nun der Parkplatz eines Baumarkts befindet.“

Als er von Mitte 2006 bis Mitte 2007 beinahe ein ganzes Jahr in Berlin verbrachte, verfasste er sein erstes Buch Beyond ‘That’s So Gay’. Das ist so schwul – dieser negativ konnotierte Ausspruch gehört zu den am häufigsten gebrauchten Sätzen an Schulen, nicht nur in Australien, sondern auch anderswo in der Welt. In dem Buch verarbeitete Daniel seine bis dato bereits zehn Jahre umfassenden Erfahrungen mit der Arbeit an Sekundarschulen. Um die Haltung der Schüler gegenüber Lesben und Schwulen spürbar zu verändern, reiche es bereits aus, sich für das Thema sechs Wochen lang jeweils eine Stunde Unterrichtszeit zu nehmen.

“Viele Leute glauben, in meinem Programm ginge es im Wesentlichen um sechs Wochen Analsexunterricht und wenn sie merken, dass dem nicht so ist, lassen sie mich in ihre Schule.“

Einen solchen Satz sagte Daniel auch im Fernsehen und schrieb damit TV-Geschichte als derjenige, der als Erster im australischen Fernsehen den Begriff anal sex benutzte. Bei seiner Arbeit steht nicht Sexualaufklärung im Vordergrund, sondern der Fokus ist gerichtet auf die Bekämpfung von Homophobie und die Verbesserung der Lebensqualität von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender.

Wann er zum ersten Mal in seinem Leben etwas Homophobes um ihn herum wahrgenommen habe, möchte ich wissen. Und Daniel sagt, dass sein Vater stets feindselig reagierte, wenn Sänger wie Prince und Michael Jackson im Radio zu hören waren. „Ich wusste nicht wirklich, warum er sie so sehr hasste, aber als ich älter wurde, hab ich realisiert, was es war.“ Interessanterweise wurde ein Künstler von Daniels Vater niemals mit schwulenfeindlichen Äußerungen bedacht: Elton John.

Aufgewachsen ist Daniel in Geelong, einer Hafenstadt im Bundesstaat Victoria. In Geelong leitete er eine schwul-lesbische Jugendgruppe und die Berichte über den Schulalltag fielen unterm Strich allesamt negativ aus. „Nach einer Weile fand ich einfach, dass es nicht ausreicht zu sagen: Ich hoffe, dass du in der nächsten Woche nicht schikaniert wirst oder dass dich die Lehrer unterstützen. Ich war es überdrüssig, die Schüler in solche Situationen zurückzuschicken. So entschied ich, mit Schulen zusammenzuarbeiten. Ich habe niemals geglaubt, dass ich großen Erfolg haben würde. Es bedurfte vieler kleiner Schritte und wie es scheint, hat es funktioniert.“

Als er 22 Jahre alt war, erklärte ihm sein damaliger Freund, dass er Schluss macht, wenn Daniel ihm nicht nach Melbourne folgt. Daniel verlegte seinen Wohnsitz in die zweitgrößte Stadt Australiens und Melbourne ist seine Basis geblieben, auch wenn die Beziehung seinerzeit bald vorbei war.

Auf seiner Tour durch die abgelegenen Winkel des australischen Kontinents hörte Daniel in vielen Gesprächen, dass Schwule und Lesben vor allem deshalb ihren angestammten Ort verlassen, weil sie im Outback nicht sie selbst sein können bzw. keine Chance sehen, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Andererseits gibt es Menschen, die von der Stadt dorthin zurückkehren, wo sie geboren und aufgewachsen sind, weil sie ihre Familie und ihre Freunde und die vertraute Umgebung vermisst haben. Von den homosexuellen Menschen, die Daniel auf seiner Reise traf, ging es denjenigen am besten, die sich für ihre Gemeinde engagierten. Engagement würde gewürdigt und die Tatsache, dass jemand schwul oder lesbisch ist, spiele dabei eine untergeordnete Rolle. „Aber wenn du als Schwuler oder Lesbe nichts zur Gemeinschaft beiträgst und unbeliebt bist, dann hast du ein Problem.“

Ist die Bevölkerung im Outback homophober als in Melbourne oder Sydney? – „In einer Stadt sind die Leute zurückhaltender, was ihre Homophobie anbelangt. Auf dem Land sind sie unverhohlener, was nicht bedeutet, dass sie homophober sind. Ich denke, Stadt und Land haben in puncto Homophobie mehr gemeinsam als wahrgenommen wird.“

Pro Tourstopp plante Daniel eine Woche ein. Für gewöhnlich kam er am Montag an und sein erster Weg führte ihn in der Regel zu McDonalds, weil die Fastfood-Kette meist die einzige Möglichkeit bot, wireless ins Internet gehen zu können. Dort googelte er nach Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern, Polizeistationen und Beratungsstellen und dann begann er die Institutionen abzutelefonieren, um sich mit den Verantwortlichen für ein Gespräch von 15 bis 20 Minuten Dauer zu verabreden. Auch im hintersten Australien geben sich die Leute gern beschäftigt und haben keine Zeit. Für ein Zusammentreffen, das nicht länger als eine Tasse Tee dauern soll, ist ein Großteil jedoch bereit.

„Ich wusste, dass ich länger als 15 oder 20 Minuten brauchen würde, aber wenn du einmal anfängst mit Leuten zu reden, wird ihr Interesse geweckt, und mit den meisten habe ich für 60 bis 90 Minuten gesprochen.“

Am schwierigsten war es, die jeweils ersten Gesprächspartner von einem Treffen zu überzeugen. Daniel räumt ein, dass er die Montage gehasst hat. „Die Menschen um mich herum denken, ich wäre extrovertiert, aber eigentlich bin ich eine sehr schüchterne, introvertierte Person. Und montags musste ich komplett fremde Menschen anrufen und sie bitten, eine Tasse Tee mit mir zu trinken.“ Hatte er jedoch einmal einen Fuß in der Tür, wurden ihm weitere Personen empfohlen und vorgestellt.

Pro Woche kam Daniel auf 15 bis 20 Personen, die er zum Tee traf. In 38 Wochen macht das… „Mehrere hundert Tassen“, überschlage ich und erlöse uns vom Kopfrechnen.

Um abzuschalten und sich zu entspannen, spielt Daniel so oft er kann Tennis. Und beim Thema Tennis tut sich eine weitere Verbindung zu Deutschland auf: Als Heranwachsender war er besessen von Steffi Graf. Nach einem Interview in Melbourne im Jahr 1994 ging sie in die Menge und nachdem sie ein Poster für ihn signiert hatte, wurde sie von dem damals 17-jährigen Daniel gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. „Sie wurde rot und hat mir bis jetzt nicht geantwortet, weswegen ich denke, dass ich noch immer eine Chance hab…“

In absehbarer Zeit wird Daniel voraussichtlich nicht so schnell wieder nach Deutschland kommen, weil er für die nächsten drei bis fünf Jahre damit beschäftigt sein wird, eine Einrichtung namens National Institute of Challenging Homophobia Education (N.I.C.H.E.) aufzubauen. „Momentan sind in Australien die Kräfte auf die Gleichstellung der Ehe ausgerichtet. Aber selbst wenn wir dieses Ziel in ein oder zwei Jahren erreichen, wird von der Homophobie noch etwas übrig sein.“

Der Schlüssel liegt im Gespräch. „Ich kann zigmal durchs Land fahren, aber ohne dass die Bevölkerung beginnt miteinander zu reden, wird sich nichts ändern.“ Auch wenn sie Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender unterstützen möchten, wissen Daniels Beobachtungen nach viele Menschen nicht, wie sie dies in ihrem Alltag umsetzen können. Hier möchte er Abhilfe schaffen und den Leuten etwas in die Hand geben.

„Der beste Weg, um Homophobie zu bekämpfen, ist, wenn sich eine nahe stehende Person outet und ein greifbares Beispiel darstellt. Je öfter dies im Alltagsleben geschieht, desto weniger braucht es jemanden wie mich.“

Das Ziel des Aktivisten ist es also, sich durch seine Arbeit überflüssig zu machen!


Mehr über Daniel Witthaus unter: www.thatssogay.com.au

6. September 2012