29. Oktober 2012

Bügeleisen



Meine Mutter fordert, dass ich sie am Wochenende besuche, aber dann heiratet bereits Hakans Cousine.

„Was hast du denn damit zu tun, wenn Hakans Cousine heiratet?“ wundert sich meine Mutter. „Die Türken stehen doch nicht so auf Homos!“

Ich entgegne, dass Hakans Cousine Dilek bis zu ihrer Geschlechtsangleichung Murat hieß und ihre Braut eine vollbusige schwedische Blondine sei.

„Nichtsdestotrotz kannst du da aber nicht mit ungebügeltem Hemd hingehen“, ermahnt mich meine Mutter. Und zwei Tage später erhalte ich von ihr ein Paket mit einem weißen Hemd und einem Bügeleisen drin.

Das weiße Hemd wasche ich zusammen mit meiner neuen roten Jogginghose, wonach mir das Hemd farblich schon viel besser gefällt. Aber was soll ich mit dem Bügeleisen?

Ein Bügeleisen benötige ich genauso wenig wie den Fön, den mir meine Mutter schon geschenkt hat. Und es hat eine Weile gedauert bis ich den Fön dennoch in meinen Alltag integrieren konnte. Inzwischen nehme ich ihn, um zum Backen die Butter schneller weich zu bekommen.

Und ausgelöst dadurch, dass die 3-jährige Tochter einer Freundin ihre Wachsmalstifte bei mir vergessen hat, beginne ich, auch mit dem Bügeleisen zu experimentieren. Ich stelle das Eisen an, schmiere ein wenig Wachsmalfarbe drauf und male nun in Minutenschnelle Landschaften. Mal in den Bergen, mal in der Tiefebene gelegen. Oder am Meer. Oder Mondlandschaften. Und als Hochzeitsgeschenk für Dilek und ihre schwedische Blondine erschaffe ich ein Triptychon: Auf das mittlere Bild modelliere ich die Silhouette von Berlin und links bzw. rechts davon lasse ich Stockholm und Istanbul entstehen.

Nach kurzer Zeit nur finde ich Bügeleisen so dermaßen toll, dass ich mir ein zweites zulege: ein Reisebügeleisen. Für einen Campingtrip durch England. Wenn ich morgens aus dem Zelt krieche und Hunger auf ein Full English Breakfast verspüre, stecke ich im Waschraum das Bügeleisen in eine Steckdose. Ein bisschen Öl zum Brutzeln bringen, dann ein paar Streifen Speck draufgelegt und noch welche von diesen kleinen Würstchen. Und zuletzt ein Ei drauf braten.

Und wer es jetzt eher vegetarisch mag, dem sei gesagt: Tofu kann das Bügeleisen auch!

22. Oktober 2012

Jobsuche

Guten Tag, ich suche einen Job. Nicht unbedingt für immer, aber immerhin für die nächste Zeit.

Ich kann Texte verfassen – fiktionaler und non-fiktionaler Natur. Ich kann Kurzprosa und Gedichte schreiben, satirische Texte und Kommentare, auch Pressetexte, Werbetexte, Reportagen, Berichte und Anleitungen wie sich mensch zu Hause eine Dauerwelle selbst legt oder wie sich ein Kleiderschrank aufbauen lässt. Und ganz besonders gern würde ich für nach Mitarbeitern suchende Arbeitgeber Jobanzeigen entwerfen. Häufig, wenn ich mir Jobangebote durchlese, verstehe ich gar nicht, was los ist.

Ein Beispiel aus einem Berliner Stadtmagazin:

„Suchen engagierte, zuverlässige Mitarbeiterin im Baubüro der Firma Schwedenplatte aus Berlin-Weißensee.“

Da frage ich mich doch: Für welche Tätigkeit genau wird denn da eine Mitarbeiterin gesucht? Und vor allem: Was ist eine Schwedenplatte? – Ein schwedischer Plattenbau? Oder eine schwedische Wurstplatte? Oder eine Schallplatte mit schwedischer Musik? – Weil es sich laut Anzeige um ein Baubüro handelt, tippe ich auf Plattenbau. Benötigt die Mitarbeiterin also fundierte Kenntnisse der DDR-Architektur? Soll sie Baupläne zeichnen oder einfach nur hübsch aussehen? Oder schwedisch sprechen können? Oder auf schwedisch stenografieren können? Oder schwedische Gardinen an die Fenster des Plattenbaus hängen?

Ich erwäge, eine Agentur aufzumachen, die solchen Leuten gescheite Jobanzeigen schreibt.

Ansonsten bin ich gern für Moderationsjobs zu haben, nicht nur für Moderationen von Poetry Slams und Lesebühnen, sondern ich kann auch die alljährliche Preisverleihung bei der Rassekaninchenshow in Gummersbach präsentieren oder die Weihnachtsfeier des Seniorenstifts Waldfrieden in Bad Liebenwerda.

Ich preise auch gern Produkte an und habe kein Problem damit, vor laufender Kamera stundenlang Dünnschiss zu reden. Anders ausgedrückt: Ich bin der perfekte Moderator für 9Live. „Ja, warum ruft denn noch keiner an? Das ist doch heute wirklich nicht so schwer herauszufinden, um welches Kunstwerk es sich bei unserem heutigen Gewinnspiel handelt. Ja, das kann doch nicht sein, dass da keiner anruft. Schauen Sie doch noch einmal ganz genau hin und greifen dann zum Hörer! Ich sitze hier und warte auf Ihren Anruf. Ja, warum ruft denn noch keiner an? Das kann doch nicht sein!“

Ebenfalls lasse ich mich für Nacktfotoshootings buchen, für Coffee Table Books mit Fotos von stark behaarten Männer drin, allerdings nur für den asiatischen Markt. Wer mich hier in der Heimat begutachten möchte, soll sich in einem Berliner Schwimmbad auf die Lauer legen.

Womit wir beim Thema Sport wären: Ich gehe viermal die Woche schwimmen, habe aber trotzdem eine Wampe. Des Weiteren lege ich meine Wege meist per Rad zurück, was sowohl zu strammen Waden als auch zu guten Ortskenntnissen in der Bundesländern Berlin und Brandenburg geführt hat.

Seit 2005 arbeite ich als Stadtführer und freue mich darauf, bald auch Sie durch die Stadt führen zu können.

Zudem bin ich selbsternannter Experte für Seifenopern aus den 80ern. Und ich kann Ihre Party beschallen mit einem DJ-Set aus den Genres Schlager und Eurovision Song Contest.

Kann sowohl in deutscher wie auch in englischer Sprache sprechen, schreiben und lesen. Und für potentielle Arbeitgeber aus dem norddeutschen Raum möchte ich anfügen, dass ich im Bezug auf die plattdeutsche Sprache immerhin ein gutes Leseverständnis aufweise.

Aus Sicherheitsgründen möchte ich nur in Ländern arbeiten, in denen Homosexualität legalisiert ist. Bloß weil ich ein paar Schichten lang in einer Rumproduktionsfirma auf Jamaika jobbe und in der Pause mit einem Kollegen anbändele, möchte ich nicht gleich gefoltert und zu zehn Jahren Haft oder Zwangsarbeit verurteilt werden.

Abschließend möchte ich mich an Sportbekleidung herstellende Firmen wenden: Liebe Sportbekleidungshersteller, liebend gern würde ich Ihnen als Markenbotschafter für Jogginghosen zur Verfügung stehen, um somit den Absatz an Jogginghosen auch bei Kunden mit höherem Bildungsniveau rapide anzukurbeln.

Sollten Sie einen Job für mich haben, kontaktieren Sie mich unter tom.mars[at]gmx.de oder rufen Sie an: 0178-7156107.

15. Oktober 2012

Die Partygirls vom Prenzlauer Berg

Ein Artikel, der im Jahr 2015 in einem Berliner Stadtmagazin erscheinen wird.



Auch die Kinder vom Prenzlauer Berg entwickeln sich unweigerlich zu Teenagern. Ihr Bruder geht gerade mal in die 3. Klasse, doch Belinda steht bereits kurz vor ihrem 16. Geburtstag. Jeden Freitag holt ihre Mutter sie aus der Lüneburger Heide ab, wo Belinda seit letztem Schuljahr auf ein Internat geht.

„Meine Eltern sind der Ansicht, dass meine Talente auf einer normalen Schule nicht ausreichend gefördert werden“, erzählt Belinda, als ich sie am späten Freitagnachmittag in einem Café im Bötzowviertel treffe.

Als ich frage, was denn ihre Talente seien, kramt sie eine CD aus ihrer Handtasche. Es handelt sich um das Debütalbum einer Punkband, dessen Sängerin Belinda ist. Die CD ist bei einem kleinen Label erschienen, dass von Schülern eines Prenzlauer Berger Gymnasiums betrieben wird. Die Band nennt sich „Die gentrifizierten Fotzen“.

Belinda räumt ein, dass ihre Eltern weder den Bandnamen kennen geschweige denn überhaupt von der Existenz der Band wissen. Ihre Eltern würden sich furchtbar aufregen, sagt Belinda, wenn sie erführen, dass all der Klavier- und Geigenunterricht, den sie ihrer Tochter haben angedeihen lassen, keine dauerhaften Früchte getragen habe.

Die Tür öffnet sich und Belindas beste Freundin Elouise tritt ein. Elouise kommt gerade vom Japanischunterricht. „Es kann sein, dass meine Familie bald für ein Jahr nach Tokio zieht“, erklärt Elouise. Aber eigentlich habe sie auf Tokio gar keine Lust, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass ihr Leben in Tokio genauso spannend wäre wie in Berlin.

Belinda wird heute bei Elouise übernachten, weil Elouises Eltern übers Wochenende nach Barcelona geflogen sind. Davon dass Elouise sturmfrei hat, wissen Belindas Eltern allerdings nichts und davon dass die beiden Mädchen eine Party planen – davon wissen weder die einen noch die anderen Eltern etwas.

„Ich glaub, unsere Eltern können sich höchstens vorstellen, dass wir eine Pyjamaparty machen“, kichert Elouise und lästert im Anschluss über ihre Mutter: „Meine Mutter ist eine vertrocknete Kaktusblüte, die in Böblingen aufgewachsen ist. Dort hat ihr nie jemand beigebracht, was es bedeutet, richtig Spaß zu haben.“

Die Mädchen werden von zwei Jungs aus Belindas Band abgeholt, die sich bereit erklärt haben, beim Getränke schleppen zu helfen. Elouise meint, ich solle doch gegen Mitternacht vorbeikommen, dann sei die Party in vollem Gange.

Doch als ich um Mitternacht die angegebene Adresse erreiche, stehen die Jugendlichen bereits vor der Haustür. Die Polizei wäre schon zweimal da gewesen, berichtet Belinda, weswegen sie jetzt lieber abhauen und in einen Club fahren. Vor uns hält ein erstes Taxi, bald darauf noch eins und noch eins und noch weitere und Wagen für Wagen leert sich der Bürgersteig.

Das Ziel ist eine illegale Location im Keller eines Plattenbaus nahe der Storkower Straße. Die Decke ist niedrig, die Luft stickig, die Musik elektronisch. Ich höre unterschiedliche Sprachen um mich herum und Elouise sagt, dass heute Abend viele Austauschschüler hier seien. Aufgrund von Fremdsprachenunterricht von frühester Kindheit an haben Belinda und Elouise keine Schwierigkeiten, mit den Austauschschülern anzubandeln. Belinda flirtet mit einem Italiener und Elouise verschwindet mit einem Brasilianer nach draußen.

Nach etwa einer Stunde kehrt Elouise allein zurück und meint, der Brasilianer habe noch woandershin gewollt. Und alsbald unterhält sie sich mit dem englischen Cousin einer Mitschülerin, der übers Wochenende zu Besuch in Berlin ist.

Während der Engländer an der Bar neue Getränke ordert, tuschelt Elouise mir zu, dass sie sich als überdurchschnittlich an sexuellen Kontakten interessiert empfindet. „Laut meiner Lebensberaterin kommt das vermutlich daher, dass meine Mutter mich solange gestillt hat bis ich auch wirklich den allerletzten Tropfen Milch aus ihr rausgesaugt hatte.“

Um drei Uhr verlassen Belinda und Elouise den Club. Während sich Belinda mit einer Gruppe von italienischen Austauschschülern noch in eine Bar nach Friedrichshain aufmacht, fährt Elouise mit dem Engländer zu sich nach Hause.

Sie habe sich in den Engländer verliebt, schwärmt Elouise, als ich sie ein paar Tage später zufällig an einer Tram-Haltestelle wiedersehe. Sie erwägt nun, ein Schuljahr in England zu verbringen. „Auf jeden Fall ist England cooler als Tokio!“ findet Elouise. Außerdem ginge Belinda vielleicht auch demnächst für ein Jahr nach England. Nachdem Belindas Eltern inzwischen von den musikalischen Aktivitäten ihrer Tochter erfahren haben, möchten sie sie gern ins Ausland schicken. Und ich muss Elouise zustimmen, dass Belindas Eltern „echt bescheuert“ sind, denn wer schickt schon eine Punksängerin, um sie vom Punk kurieren zu wollen, ausgerechnet nach England!