30. Dezember 2014

Glatz-o-mat



Meine Damen und Herren, ich zeige mehr Haut – seit ich eine Glatze trage. Und die Haare stehen mir nicht mehr zu Berge, wenn ich dem Publikum haarsträubende Geschichten erzähle. Niemand kann mir vorwerfen, meine Handlungsstränge seien an den Haaren herbeigezogen.

„Lass mein Haar herab!“ sagte ich zu Rapunzel, der Frisörin. „Lass mein Haar herab, damit mir, wenn ich Sorgen hab, keine grauen Haare wachsen. Und damit mir niemand mehr ein Haar krümmt, wenn er mir was krumm nimmt.“

Seit Rapunzel kein gutes Haar an mir ließ, kriege ich mich mit keinem mehr in die Haare – und werde auch nicht mehr von kulinarisch sonderbar veranlagten Menschen belästigt: Niemand mehr will mir die Haare vom Kopf fressen.

Allerdings bin ich keine Gelegenheit mehr, die sich beim Schopf packen lässt. So wäre ich bei einem Outdoortrip durch den Dschungel von Borneo um ein Haar ertrunken, weil ich mich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen konnte.

Ansonsten empfiehlt sich eine Glatze auch aus Platzgründen: Von Jahr zu Jahr nämlich werde ich stetig klüger und wenn der Verstand wächst, müssen halt die Haare weg!

Am Alexanderplatz habe ich nun einen Glatz-o-maten aufgestellt, etwa so groß wie ein Fotoautomat. Du gehst rein und nach wenigen Minuten kommt nicht dein Passbild raus, sondern du kommst mit Glatze raus. Ein neues Passbild erhältst du erst dann noch dazu, nachdem du weitere vier Euro eingeworfen hast.

Jetzt im Winter tragen viele Glatzen Mützen. Ich nicht. Als romantisch veranlagter Poet spüre ich gern, wie der Schnee auf mein Haupt fällt.

Die Eltern meines Freundes denken, ihr Sohn wäre mit einem Neonazi liiert. Im Gegenzug glauben meine Eltern, dass mein Freund ein Gotteskrieger ist, der mich zwingt, im Bett eine Burka zu tragen. Aber dazu muss er mich doch nicht zwingen!

9. November 2014

Ostbuxe

Damals hatte ich oft Sexualkontakte ostseits der Mauer und habe dort einmal einem Jungen meine Westjeans geschenkt. Doch anstatt mir im Austausch dafür von ihm seine Ostbuxe geben zu lassen, torkelte ich trunken vor Liebe und Alkohol in Unterhose zurück zum Grenzübergang. Die Westberliner Boulevardpresse machte den Vorfall publik und fortan war es unter Jugendlichen eine beliebte Mutprobe, sich der DDR-Grenze in Unterwäsche zu nähern.

29. April 2014

Reisen mit Uschi



Liebe Ingeborg,

meine Reisen buch ich ja bloß noch bei Uschi-Reisen!

Viele Grüße vom Gardasee
sendet Helga

17. April 2014

Euphoria

Statt mich mit aufgezwungenem Kram zu beschäftigen (wie über 269 Euro Rundfunkgebühr ärgern oder dem Ändern müssen meines Betriebssystems Windows XP zu Windows 7, 8, 9, 10 oder 11), kümmere ich mich heute mal um eine wirklich wichtige Angelegenheit: Ich werde mich in ein Second-Hand-Kaufhaus begeben und mit Hilfe der dortigen Einkaufsassistentinnen ein Kostüm für die Eurovision Song Contest Party auswählen!

27. Februar 2014

Neue Hose



Seit Längerem schon will ich mir eine neue Hose zulegen und recherchiere nach ihr im Internet; was bisher lediglich dazu geführt hat, dass mir am Bildschirmrand häufig Hosenwerbung angezeigt wird – unabhängig davon, ob ich nun gerade nach einer Hose suche oder nach Sexualkontakten.

Vom Flur her ertönt der verzückte Schrei meines Mitbewohners. Er hat ein zalando-Paket bekommen. Der verzückte Schrei weicht einem wütenden Brüllen, als mein Mitbewohner bemerkt, dass ihm die soeben gelieferten Schuhe zu klein sind.

Ich beschließe, meine neue Hose nicht im Internet zu kaufen, und begebe mich in ein analoges Kaufhaus. Ich stelle mich in die Herrenabteilung und rufe: „Guten Tag, ich bin ein Kunde und möchte eine Hose kaufen.“ Niemand außer ein paar Schülerinnen aus Bergisch Gladbach, die auf Klassenfahrt in Berlin sind, reagiert auf mich. Die Schülerinnen helfen mir, eine Hose auszuwählen.

Wieder zu Hause finde ich meinen Mitbewohner nackt vor. Sein Guru hätte als Kalenderblattspruch heute gepostet: „Streif all das ab, was von H&M ist, und du kommst deiner eigenen Persönlichkeit ein Stück weit näher.“ – Ich habe Sorge, dass der Guru morgen dazu auffordert, all das loszuwerden, was von IKEA ist.

Mein Mitbewohner begutachtet meine neue Hose und meint, dass ich in meinem Alter eigentlich längst ein Mindestmaß an Stilbewusstsein hätte entwickeln können. Sagt der, der neulich bei einer Lesung war, bei der 24 Stunden lang Songtexte von Andrea Berg rezitiert wurden.

Um Tiefgründigkeit zu demonstrieren, besuche ich einen Weltverbesserungskongress. Dort bekleckere ich mir meine neue Hose mit veganem Gulasch. Die Hose sieht nun so lecker aus, dass ein just des Weges kommender Hosenfetischist sich hinkniet und das Gulasch von meiner Hose leckt. Ich taufe den Hosenfetischisten auf den Spitznamen Waschmaschine und frage ihn, ob er zufällig auch einen Putzfetisch hat. Dann nämlich täte ich ihn gern noch zu mir nach Hause abschleppen.

12. Februar 2014

Milchshake



Als Teenager stand ich eines Nachmittags an einer Ampel, ein Cabrio fuhr vorbei, die Insassen beschimpften mich als Schwuchtel und ein Milchshake wurde nach mir geworfen. Wann immer ich in den Jahren danach an einer Ampel stand, habe ich versucht, bloß nicht homosexuell zu wirken, damit nicht wieder ein Getränk auf mich fliegt.

In Talkshows und Zeitungsinterviews behaupten homophobe Menschen gern, nicht homophob zu sein. Sie sind gar empört, wenn ihnen eine solche Eigenschaft unterstellt wird. Der Begriff Homophobie scheint eine Bedeutungsverschiebung zu durchleben: Ursprünglich waren bei Homophobie die Homos die Opfer, neuerdings sind bei Homophobie die Homophoben die Opfer.

Stell dir vor, ein Homophober steht an einer Ampel und versucht krampfhaft, nicht homophob zu wirken, wenn gerade ein quietschrosa Cabrio mit giggelnden Tunten drin angefahren kommt.

11. Februar 2014

Horizont durch Berge begrenzt

Schweiz. Bei einer Volksabstimmung sprach sich die Mehrheit dafür aus, das Zuwandern von Menschen aus anderen Ländern zu begrenzen – was mich zu der Frage führt: Haben die Schweizer vergessen, dass selbst Klara, Heidis beste Freundin, eine Ausländerin ist? – Klara kommt aus Frankfurt. Und neuesten Erkenntnissen nach weist auch Ziegenpeter einen Migrationshintergrund auf – Forscher vermuten als Geburtsort ein Dorf in der Nähe von Sarajevo.

28. Januar 2014

Ostschrippe



Seit kurzem arbeite ich in der Bäckerei Jablonski in Hohenschönhausen.

Um sich von den anderen Bäckereien im Umfeld abzusetzen, haben sich die Jablonskis einen ganz besonderen Werbegag ausgedacht. „Wissen Sie, Herr Mars, die Leute hier im Osten wollen gern etwas haben, mit dem sie sich identifizieren können“, hat mir Frau Jablonski bei der Einarbeitung erklärt. Darum heißen die Brötchen nicht etwa Schrippe, Rosinenbrötchen, Käsebrötchen oder Körnerknacker, nein, hier tragen die Brötchen Namen prominenter ostdeutscher Frauen.

„Drei Angela Merkels, bitte!“ heißt es zum Beispiel, wenn eine Kundin welche von den Hellen mit der Einkerbung in der Mitte haben möchte. Zudem gibt es die Franzi-van-Almsick-Schwimmer, das Kati-Witt-Olympiabrötchen, das Nina-Hagen-Mischbrötchen, das Stefanie-Hertel-Dinkelbrötchen, die Carmen-Nebel-Semmeln und die Dagmar-Frederic-Croissants.

Die Angela-Merkel-Schrippen laufen am besten, was keine Überraschung ist, die ganz schlichten Brötchen, die für gewöhnlich auch die günstigsten sind, laufen wahrscheinlich in jeder Bäckerei am besten. Derartige Banalitäten ignorierend hat Frau Jablonski die Bundeskanzlerin aufgrund des Schrippenumsatzes zur beliebtesten Frau Ostdeutschlands gekürt.

Darüber hinaus hat die Jablonski mit ihrem Mann die Beitrittsunterlagen für die CDU ausgefüllt. „Wenn wir erst in der CDU sind, sagt mein Mann, dann steigen die Chancen, dass wir es schaffen, dass die Angela Merkel mal in unserem Laden vorbeikommt.“

Ich hoffe, Angela Merkel kommt an einem Dienstag, denn dienstags hab ich immer frei.

5. Januar 2014

Erster!



Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond. Lena Gercke war die erste Gewinnerin bei Germany’s Next Topmodel. Und ich war der Erste in meiner Klasse, dem schon Haare am Sack wuchsen, während bei den anderen Jungs die Genitalien noch aussahen wie kleine tief gefrorene Hähnchen.

Für den Ersten kann das Erster sein das Letzte sein, wenn er als Erster in der Clique beim Ladendiebstahl erwischt wird, als Erster an einem neuen Virus verreckt oder als Erster bei einem Poetry Slam auftreten muss.

Als erstgeborenes adliges Wesen wärst du der Kronprinz oder die Kronprinzessin und dürftest später König oder Königin werden. Als Erstgeborener in deiner Familie spielst du nicht die erste Geige; deine Eltern wollten eigentlich erst deine Geschwister machen und nur eventuell, vielleicht später, noch dich, du Nachgeburt!

Wenn du nicht weißt, wohin du gehen sollst, gehst du erstmal zu Penny und diskutierst mit der Kassiererin darüber, was zuerst da war: Das Huhn oder das Ei? – Zu Hause dann guckst du im Ersten eine Doku über den Ersten Weltkrieg. Und als du später im Bett zum ersten Mal in dieser Nacht onanierst, denkst du an deine erste große Liebe.

Du gingst bei der letzten Bundestagswahl mit Mitte dreißig noch als Erstwähler durch, weil dies die erste Wahl war, zu der du nicht erst nach 18 Uhr beim Wahllokal aufgekreuzt bist. Und während du in der Politik erst spät die erste Wahl getroffen hast, hast du dich, was deine Kleidung anbelangt, schon früh auf Zweite Wahl festgelegt.

Du schreibst erst seit zehn Jahren an deinem literarischen Erstlingswerk und hast in jedem Studiengang, der an deiner Uni angeboten wird, zumindest das erste Semester absolviert. Das muss dir erst einmal jemand nachmachen!