14. Januar 2016

Machu Picchu



„Dein Vater ist aufm Machu Picchu!“ kräht meine Mutter durchs Telefon. „Und den Schambereich seiner Freundin nennt er Mekong-Delta.“

Mein Vater nennt den Schambereich seiner Freundin Mekong-Delta? Mir hat er erzählt Marianengraben. Weil die Freundin doch Marianne Grabner heißt.

„Dein Vater bringt mit seinen Fernreisen noch dein ganzes Erbe durch!“ fährt meine Mutter fort. „Peru! Bolivien! Kambodscha! Laos! Vietnam! Was will der denn da? Und das in seinem Alter!“

Nachdem mein Vater zurückgekehrt ist vom Machu Picchu, ruft er mich an und schnaubt: „Deine Mutter ist in Tirol! Und macht dort einen Seidenmalkurs. Warum will die denn nicht lieber was erleben? In ihrem Alter! Bald ist sie tot, aber sie verschwendet die Zeit, die ihr noch bleibt, mit Seidenmalerei in Tirol!“

Die Bilder meiner Mutter tragen Titel wie Alpenglühen bei Kitzbühel, Morgentau bei Kufstein oder Wandersrast im Zillertal.

„Du, Papa“, frage ich, „wie hast du eigentlich damals Mamas Schambereich genannt?“

„Gletscherspalte.“

Ich frage nicht, welchen Kosenamen meine Mutter dem Pimmel meines Vaters gegeben hat, denn den Namen kenne ich bereits: Lockenstab. Vor lauter Locken ist kaum der Stab zu sehen.

Zum Geburtstag schickt mir meine Mutter eine ihrer Seidenmalereien. Selbstbildnis am Großglockner. „Große Glocken?“ meint eine Freundin. „Steh ich drauf!“ Und ich überlasse ihr das Bild und dazu noch Mutters Telefonnummer.

„Du, Tom, sag mal“, schreibt mir meine Mutter tags drauf eine SMS. „Diese Freundin, der du meine Telefonnummer gegeben hast, ist die vielleicht ein warmer Bruder?“

Ich antworte: „Sie ist so warm, dass sie eine Gletscherspalte in einen Vulkan verwandeln kann.“

Daraufhin höre ich monatelang nichts von meiner Mutter. Von der Freundin auch nicht.

Nachdem mein Vater von einer Reise nach Madagaskar zurückgekehrt ist, ruft er mich an und berichtet: „Deine Mutter ist in Venedig, zusammen mit einer lesbischen Freundin von dir. Diese Freundin nennt den Schambereich deiner Mutter Lagune der Lust.“

Ich beende das Telefonat. Meine Eltern sind mir peinlich. Lagune der Lust! Mekong-Delta! Lockenstab! Ich nenne meinen Penis einfach bloß Schwanz und meine Brustwarzen heißen Eins und Zwei und meine Arschbacken A und B.

Mein Vater fände mich ziemlich langweilig, raunt mir Vaters Freundin bei einer Familienfeier zu. Mein Vater dächte sogar daran, einen Vaterschaftstest zu machen, um festzustellen, ob meine Mutter nicht mit dem Postboten gepimpert hat oder ich bei der Geburt vertauscht wurde. „Mein Vater spinnt!“ erwidere ich. „Er ist definitiv mein Vater. Wir haben denselben Lockenstab.“

In der S-Bahn frage ich ein spießig aussehendes älteres Touristenpärchen, ob sie nicht meine Eltern sein wollen. Das Pärchen schaut mich erschreckt an. „Was würden denn unsere Nachbarn sagen“, jammern sie, „wenn wir von unserer Berlin-Reise einen schwulen Sohn mit nach Hause bringen?“

Traurig sitze ich an der Spree. Potentiellen Adoptiveltern bin ich zu schwul, den biologischen Eltern nicht schwul genug. So wünscht sich mein Vater, dass ich an RuPaul's Drag Race teilnehme, einer Art Germany's Next Topmodel für Nachwuchstravestiekünstlerinnen. Und meine Mutter reißt mir beim CSD das T-Shirt vom Leib. Sie hat die Phase mit der Seidenmalerei hinter sich gelassen und interessiert sich nun für Bodypainting.

Ich habe Eltern, die stets ohne Probleme ins Berghain kommen, während ich stets an der Tür abgewiesen werde. Und während ich mich schon schäme, unter der Dusche im Schwimmbad die Badehose auszuziehen, besitzen meine Eltern ein Bootshaus an einem See in Mecklenburg-Vorpommern, in der weltweit einzigen Bootshauskolonie, die ausschließlich von Nudisten bevölkert ist.

Zum 10-jährigen Jubiläum ihrer Scheidung haben uns meine Eltern in einen Swingerclub eingeladen. „Fickt euch!“ sage ich und mein Freund bucht uns stattdessen ein Wochenende auf Usedom.