5. Oktober 2017

Tagebuch eines Stadtführers #4

Die Irrtümer der Touristen



Es gibt Touristen, die halten den Hauptbahnhof für ein Hallenbad, die Charité für ein Shoppingcenter, die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes für ein Gefängnis; und manche denken, Ost und West hätten die Mauer gemeinsam erbaut.

Stellt euch das vor: Ostbauarbeiter und Westbauarbeiter arbeiten einträchtig nebeneinander an der Mauer, fachsimpelnd über die adäquate Höhe des Bollwerks und darüber, wie viel Stacheldraht und wie viele kleine Glasscherben noch oben drauf zu packen sind. Und Soldaten der Nationalen Volksarmee und der Bundeswehr patrouillieren zusammen im Todesstreifen und spielen immer Schnick, Schnack, Schnuck, um zu entscheiden, wer heute die Flüchtlinge erschießen darf.

Dieser Logik folgend freut sich Mexiko auf nichts mehr, als die von Donald Trump gewollte Mauer zu bezahlen.
   „Juchhu, Mister Trump!“ ruft die mexikanische Regierung. „Sie wollen an der Grenze unserer beider Länder eine Mauer errichten? Toll! Super! Wir übernehmen die Zeche. Hier ist der Scheck!“

Und dann war da noch dieser eine Tourist, der den Görlitzer Park für ein Jagdgebiet hielt. Als er die im Park grillenden türkischen Familien sah, tat er kund, dass er hier gern mal auf Treibjagd gehen würde.
   „Da kommen Sie zu spät, mein Herr“, entgegne ich. „Die Treibjagd fand bereits zwischen 1933 und 1945 statt.“

Einen Tag drauf denkt ein Junge, der derzeitige deutsche Geheimdienst hieße Stasi; eine Mitschülerin widerspricht und sagt: „NSDAP.“

Und an der Mauergedenkstätte fragt eine Schülerin: „Wo wir hier gerade stehen, ist das jetzt DDR oder ARD?“
   Ich antworte: „ZDF.“

Und dann war da noch der Schüler, der glaubte, ich sei ein ehemaliger Juror aus Germany's Next Topmodel, weshalb ich im Regierungsviertel – Heidi Klum imitierend – gesagt hab: „So, Mädels, wir sind ja jetzt im Regierungsviertel und bei unserem heutigen Livewalk sollt ihr laufen wie Politiker.“

Der Schüler ist sofort losgelaufen. Sein Walk war allerdings zu zappelig, nicht staatstragend genug für einen Politiker. Ich wollte gerade ansetzen, dem Schüler mitzuteilen, dass sein Traum, Germany's Next Toppolitiker zu werden, ausgeträumt sei, als seine Lehrerin ihm noch eine Chance gegeben und ihm ein Referat zum Thema Bundestag aufgebrummt hat.


→ Tagebuch eines Stadtführers – was bisher geschah

2. Oktober 2017

Mittelfelder Kurier #7

Hochzeit in Mittelfeld



Gestern wurde in Mittelfeld nach langer Zeit wieder eine Hochzeit gefeiert. Den Bund der Ehe schlossen der Syrer Amir Barakat, einziger in Mittelfeld ansässiger Geflüchteter, und der aus dem Nachbarort stammende Dirk Kröger, illegitimer Sohn von Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes. Die beiden Männer waren die ersten im Landkreis, die die seit gestern bestehende Möglichkeit nutzten, dass nun auch homosexuelle Paare heiraten dürfen.

Nach der Trauung auf dem Standesamt in der Kreisstadt fuhr das Bräutigampaar hupend in Mittelfeld ein, um den schönsten Tag ihres Lebens in Emma Schmitz' Gemischtwarenladen zu feiern.

Hannelore Kröger, Mutter des einen Bräutigams, sagte dem Mittelfelder Kurier unter Tränen der Rührung: Ich habe meinem Dirk immer gewünscht, dass er einen solch wundervollen Partner wie Amir findet. Ich wünsche den beiden alles Glück der Welt!

Bedauerlich hingegen fand Hannelore Kröger die Abwesenheit von Dirks Vater. Obwohl inzwischen sowieso alle wüssten, dass Dirk der Sohn des katholischen Pfarrers sei, zöge es Hochwürden vor, seine Vaterschaft weiterhin zu ignorieren.

Vom Mittelfelder Kurier um ein Statement zur Hochzeit seines Sohnes gebeten, sagte der Pfarrer: Die Ehe ist ein Sakrament, dass einer Verbindung aus Mann und Frau vorbehalten ist.

Vor Emma Schmitz' Gemischtwarenladen hatten sich zwei weitere Personen eingefunden, die die Eheschließung der beiden Männer ablehnen: Marianne Bokel, Betreiberin des örtlichen Seniorenwohnheims, veranstaltete mit ihrer Nichte Marion Bokel, Chefin des örtlichen Bestattungsunternehmens, eine lautstarke Demonstration. Die prostestierenden Frauen sangen eine Coverversion von Marianne Rosenbergs Er gehört zu mir. Statt Er gehört zu mir sangen sie jedoch Er gehört nicht dir.

Nach der musikalischen Darbietung entrollten sie zudem ein Transparent mit dem Slogan: HOMO-ASYLANTEN NEHMEN UNS DEUTSCHEN FRAUEN DIE MÄNNER WEG!

Lächerlich! kommentierte Bräutigam Amir Barakat. Die beiden Bitches sollten sich überlegen, ob es nicht vielleicht noch einen anderen Grund gibt, warum sie keinen Mann haben.

Der Mittelfelder Kurier beglückwünscht die Frischvermählten, die nun ihre Flitterwochen im Allgäu verbringen.


Mittelfelder Kurier – aus Mittelfeld für Mittelfeld, wo die Welt noch zusammenhält

24. September 2017

Tagebuch eines Stadtführers #3

Die verpeilteste Lehrerin, die ich kenne



Vor zehn Minuten habe ich eine aus Brandenburg an der Havel stammende Schülergruppe verabschiedet. Ich halte mich noch im Büro auf, als einer der Schüler reinkommt und sich erkundigt, wo denn seine Gruppe sei.
   „Auf dem Weg zum Bahnhof“, sage ich.
   „Ohne mich?“ fragt der Schüler. Er war auf dem Klo und die Gruppe hat ihn wohl dort vergessen.

Der Junge hat weder die Telefonnummer der Lehrerin noch die Nummer eines anderen Mitglieds der Gruppe, noch hat er überhaupt ein Telefon. Ich finde in den Akten Lehrerins Nummer, rufe an, doch am anderen Ende meldet sich nicht die Lehrerin, sondern das Restaurant, in dem die Lehrerin zu Mittag gegessen und ihr Telefon liegen gelassen hat.

Ich beschreibe dem Schüler den Weg zum Restaurant und sage ihm, er soll das Telefon abholen und sich mit Hilfe des Telefons nach Hause durchschlagen.
   „Funktioniert ungefähr so wie Geo-Caching“, sage ich, klopfe dem Jungen auf die Schulter und radle nach Hause.

Im Jahr drauf kommt die Lehrerin wieder mit einer Schülergruppe; sie erscheinen eine Stunde zu spät, weil dieses Mal ein Schüler bereits zuvor auf der Toilette eines Restaurants vergessen wurde. Der Schüler hatte sogar die Nummer der Lehrerin, rief an, doch am anderen Ende meldete sich nicht die Lehrerin, sondern ein Fundbüro, da die Lehrerin ihr Telefon bereits morgens im Zug liegen gelassen hatte.

Im folgenden Jahr will die Lehrerin erneut einen Tagesausflug nach Berlin machen, aber dieses Mal erscheint die Gruppe gar nicht zur Tour. Die Lehrerin hat ihr Telefon bereits zu Hause liegen gelassen und konnte nicht um Hilfe telefonieren, als sie im Regionalexpress die Klotür nicht wieder aufbekam. Sie wurde erst befreit, als der Zug schon Frankfurt (Oder) erreicht hatte, während die Schüler wie geplant in Berlin ausgestiegen waren, aber in Unkenntnis des eigentlichen Programms den Tag in einem Shopping Center verbracht haben.


→ Tagebuch eines Stadtführers – was bisher geschah

21. September 2017

Mein schönstes Wahlerlebnis



Es ist Sonntag, es ist bereits Nachmittag, es ist Kopfweh, es ist Kater und – es ist Bundestagswahl.

Um eine Wahl zu treffen, erwäge ich, den Haribo-Wahl-O-Maten zu befragen: Mit verschlossenen Augen eine Tüte Haribo Goldbären bis auf den letzten Bären aufessen, der Farbe des letzten Bären eine politische Partei zuordnen und diese Partei angekreuzt und fertig.

Ich erreiche das Wahllokal. Das Wahllokal ist im sonstigen Leben eine Kita und an den Wänden im Flur sehe ich Marienkäfer über Marienkäfer. Mehr Marienbildnisse gibt es nicht einmal im Vatikan. Marienkäfer würden Christdemokraten wählen.

Und Legehennen würden die Grünen wählen.

Und Störche würden Briefwahl machen, weil sie im September längst außer Landes sind, auf dem Weg in den Süden.

Ich fliehe nach nebenan in einen Spätkauf. Mit zugekniffenen Augen stehe ich vorm Kühlschrank und erwische eine Club Mate. Gelbe Farbe. Soll ich also die FDP wählen? – Danach trinke ich ein Beck’s. Grüne Flasche. Ein Hinweis darauf, dass ich die Grünen wählen soll? – Eine Schokolade aus der Ritter Sport-Kollektion wandert in meinen Mund. Geschmacksrichtung Marzipan. Die Verpackung ist rot. Bin ich jetzt auf SPD oder Die Linke? Oder steht auf dem Stimmzettel auch Die Pinke? – Mir wird schwindelig. Ich sehe schwarz.

Nach kurzer Bewusstlosigkeit kommt ein Nachbar in den Laden, der auch nicht weiß, was er wählen soll. Aber er weiß, wo eine Wahlparty steigt. Fragt mich nicht, von welcher Partei die Party ist. Ich kann nur sagen, dass die Getränke umsonst sind und dass ich mit einem Nachwuchspolitiker nach Hause gehe.

Ich habe Angst, dem Nachwuchspolitiker zu gestehen, dass ich nicht gewählt habe. Wenn er erfährt, dass ich ein Nichtwähler bin, will er mich bestimmt nie wiedersehen.

Erleichterung verschafft mir die Entdeckung eines Selfies, das ich am Wahltag morgens um kurz nach acht bei Facebook gepostet zu haben scheine: Das Bild zeigt mich in der Wahlkabine, übernächtigt und alkoholisiert, wie ich gerade mein Kreuzchen mache.

Stolz zeige ich dem Nachwuchspolitiker das Selfie, um zu beweisen wie politisch engagiert ich bin, doch der Nachwuchspolitker meint bloß, dass ein Wahllokal kein geeigneter Ort für ein Selfie sei. – Pah! Wie spießig sind denn diese Nachwuchspolitiker heutzutage drauf! Ich gehe jetzt auf eine Demo und suche mir einen anderen Koalitionspartner.

18. September 2017

Journal d'un guide #1

L'affaire de pipi



On s'arrête en face d'un squat. Une femme ouvre une fenêtre de l'immeuble derrière nous et elle s'adresse à moi pour se plaindre d'un petit garçon :
   « Ce petit garçon, il a pissé contre mon balcon.
   – Mais pourquoi vous adressez-vous à moi ? Ce n'est pas moi qui ai fait pipi contre votre balcon.
   – Mais vous êtes le porte-parole.
   – Non, madame, je suis le guide. Et je n'ai dit à personne de faire pipi contre votre balcon. »

La femme ferme la fenêtre et peu après elle la rouvre pour s'adresser aux parents du petit garçon :
   « Ne dites pas à votre fils de faire pipi contre mon balcon ! »
   La femme referme la fenêtre et les parents et le petit garçon poursuivent leur chemin ; ils n'étaient que des passants qui étaient près de nous par hasard.

Une minute plus tard – je suis en train de raconter l'histoire du squat – la femme rouvre la fenêtre et dit :
   « Je viens d'appeler la police.
   – Très bien, madame. Bonne journée ! »

La femme ferme la fenêtre et immédiatement elle la rouvre pour ajouter :
   « Et j'ai filmé la scène de pisse avec mon téléphone.
   – Formidable ! Et habillez-vous, madame ! Il fait trop froid aujourd'hui pour se présenter nue à la fenêtre ouverte.
   – Je suis à la maison et à la maison je me présente comme je veux.
   – Une adulte dévêtue qui a filmé un petit garçon en train de faire pipi. Je suis sûr que la police va trouver ça très intéressant. »

Boum ! La femme ferme la fenêtre et je veux finir l'histoire du squat mais maintenant une femme au squat ouvre une fenêtre et elle crie :
   « C'est quoi, cette histoire de merde que tu racontes sur nous ? Va te faire foutre avec tes touristes débiles ! »

Les touristes et moi, nous continuons et quelques minutes plus tard, dans un café, je répète le spectacle en anglais et je dois plusieurs fois assurer au groupe qu'on n'a rien fait d'illégal.


→ deutsche Fassung / version allemande

→ Journal d'un guide – les autres épisodes

3. September 2017

Tagebuch eines Stadtführers #2

Da wo die Promis wohnen



Bin heute mit einer französischen Schulklasse unterwegs. Gegen Ende der Tour halten wir gegenüber der Museumsinsel an einem ockerfarbenen Haus. Ich lenke die Aufmerksamkeit der Gruppe auf die zwei Polizisten, die vor dem Haus stehen, und erzähle, dass dort immer Polizisten stehen, weil in dem Haus eine berühmte Persönlichkeit wohnt.

„Justin Bieber!?“ kreischt eine Schülerin.
„Nein“, widerspreche ich, „Justin Bieber mag eine berühmte Persönlichkeit sein, aber er lebt nicht in Berlin. Bei der Person, die in diesem Gebäude wohnt, handelt es sich um eine Frau, die im Regierungsviertel arbeitet.“

„Angela Merkel!“ ruft ein Schüler. „Angela Merkel! Es ist Angela Merkel! Angela Merkel wohnt hier.“
„Bingo!“ sage ich.
„Und ist sie gerade zu Hause?“ fragt der Schüler.

Um festzustellen, ob die Kanzlerin zu Hause ist, schlage ich vor, ihr ein Ständchen zu bringen. „Wie wär's mit der französischen Nationalhymne?“ sage ich. „Ich bin mir sicher, Angela Merkel steht drauf. Und wenn sie zu Hause ist, kommt sie bestimmt raus und macht mit euch Selfies.“

Die Schüler fangen sofort an zu singen. Doch anstatt mit der echten Merkel ein Selfie zu machen, müssen sie sich mit Merkels Konterfei auf einem Wahlplakat begnügen. Ein Junge scheint enttäuscht zu sein; ich höre, wie er zu einem Mitschüler über mich sagt: „Der Typ hat seinen Job verfehlt.“


→ Tagebuch eines Stadtführers – was bisher geschah

1. September 2017

Prekariatsjetset

Pre|ka|ri|ats|jet|set (das) (lat./engl.) sich in unsicheren finanziellen Verhältnissen befindende Gesellschaftsschicht, die sich mittels Billigflügen an internationalen Orten trifft

24. August 2017

Tagebuch eines Stadtführers #1

Die Pipi-Affäre



Wir halten mit Blick auf ein besetztes Haus. In einem anderen Haus, direkt hinter uns, öffnet eine Frau ein Fenster, und ruft: „Sie, ja, Sie, der Herr Sprecher. Der kleine Junge da, der pinkelt gerade an meinen Balkon.“
„Wenn es der kleine Junge ist, der an Ihren Balkon pinkelt, warum wenden Sie sich dann an mich?“ frage ich.
„Weil Sie halt der Sprecher sind.“
„Aber, Madame“, entgegne ich, „mein Metier nennt sich nicht Sprecher, sondern Stadtführer. Und ich habe niemanden dazu verführt, an Ihren Balkon zu pinkeln.“

Die Frau schließt das Fenster, um es gleich drauf wieder zu öffnen und um sich an die Eltern des Jungen zu wenden: „Verführen Sie Ihr Kind gefälligst nicht dazu, an anderleuts Balkon zu pinkeln“.
Die Frau schließt das Fenster und die Eltern und der Junge gehen weiter; sie waren bloß Passanten, die zufällig neben uns waren.

Eine Minute später – ich bin gerade dabei, die Geschichte des besetzten Hauses zu erzählen – öffnet die Frau das Fenster erneut und sagt: „Ich habe jetzt die Polizei gerufen.“
„Sehr gut!“ lobe ich. „Und schönen Tag noch!“

Die Frau schließt das Fenster und öffnet es sofort wieder. „Und ich habe die Pinkelszene mit meinem Handy gefilmt“, sagt sie.
„Wunderbar!“ erwidere ich. „Und ziehen Sie sich was an, gute Frau! Es ist heute ein wenig zu kühl, um sich nackt am offenen Fenster zu präsentieren.“
„Ich bin hier bei mir zu Hause!“ sagt die Frau. „Und bei mir zu Hause präsentiere ich mich wie ich will.“
„Eine nackte Erwachsene, die einen kleinen Jungen beim Pullern filmt“, fasse ich zusammen. „Das wird die Polizei bestimmt sehr interessant finden.“

Rummms! Die Frau schließt das Fenster und ich hätte jetzt wohl die Geschichte des besetzten Hauses zu Ende erzählen können, wenn nun nicht im besetzten Haus eine Frau ein Fenster geöffnet und geschrien hätte: „Was erzählst du denn da für einen Scheiß über uns! Verpiss dich mit deinen Scheiß-Touristen!“

Ich verpisse mich mit meinen verängstigten Touristen in ein Café, wiederhole das Fensterspektakel auf Englisch und muss mehrmals versichern, dass die Gruppe nichts Illegales getan hat.


→ version française / französische Fassung

→ Tagebuch eines Stadtführers – was bisher geschah

30. Juni 2017

MallDova

How do they call shopping malls in Moldova? – MallDova.

25. Juni 2017

Ladendamen

Ein Schild im Fenster eines Waschsalons verrät mir:

Wir suchen
LADENDAMEN
ab sofort
halbtags
zu guten Konditionen!

Der Waschsalon sucht Ladendamen? Was ist denn eine Ladendame? Eine sich im Laden befindende Dame, deren Jobprofil wie aussieht? Waschberatung? Weißes nicht mit Buntem? Die Waschmaschine nicht zu voll packen? Oder hat sich die Ladendame gar auf den Waschmaschinen zu räkeln? Damit die werte Kundschaft ein wenig Unterhaltung hat? Und dazu animiert wird, immer mehr und immer wieder Wäsche in diesem Waschsalon zu waschen?

Die Ladendamen werden ab sofort gesucht, das ist gut, ich bin auf Jobsuche, aber werden auch Ladendamen mit Damenbart eingestellt? Nun, Dame ist Dame, ob ohne oder mit Bart. Und mich auf Waschmaschinen räkeln, damit hab ich Erfahrung. Ich liebe es, mich auf einer Waschmaschine zu räkeln, vor allem während des Schleudergangs. Das vibriert so schön.

Doch es ist gut, dass die Stelle bloß halbtags angeboten wird. Von dem Vibrieren nämlich wird mir nach einer Weile schwindelig, das hielte ich auf Vollzeit nicht durch.

Und als ob ich nicht schon genug angefixt wär von dem Job, steht da zudem: zu guten Konditionen! Welche guten Konditionen blieben denn noch auszuhandeln? Dass ich die Wäsche mit meinen Räkel-Moves nur auf maximal 40 Grad anheizen muss anstatt auf 60 oder 90? Also, solch ein heißes Gerät bin ich inzwischen nicht mehr, dass ich Wäsche noch zum Kochen kriege. Lauwarm ist realistischer und dazu vielleicht Käffchen anbieten und Schnittchen rumreichen. Und mit der Standkundschaft trink ich auch mal einen Prosecco und tausche Strickmuster. Und in der Pause schnüffel ich heimlich am Weichspüler.

19. März 2017

BRD

Irgendwas muss bei meinem Flug heute morgen schief gelaufen sein... Anstatt in Bukarest scheine ich in der BRD gelandet zu sein:

7. März 2017

8. Februar 2017

Mittelfelder Kurier #6

Die Marine Le Pen von Mittelfeld



Die Offene Schule, jüngste Bildungsinitiative des Kultusministeriums, ermöglicht es Eltern und Großeltern, gemeinsam mit ihren Sprösslingen am Schulunterricht teilzunehmen.

Die erste Mittelfelderin, die die neue Chance nutzt, ist Marianne Bokel, Leiterin des örtlichen Seniorenwohnheims. Gemeinsam mit ihrer Enkelin Frauke sitzt sie dreimal wöchentlich im Französischunterricht.

Die Lehrerin, diese linksversiffte Ökoschlunze, gefällt mir zwar nicht, sagt Marianne Bokel, aber leider ist sie hier in der Gegend das einzige Subjekt, das Französisch kann.

Nach ihrer Motivation gefragt, antwortet Marianne Bokel, ihrem Idol näher sein zu wollen, der französischen Politikerin Marine Le Pen (Front National). Zukünftig will ich Madame Le Pens Facebook-Postings und Twitter-Tweets lesen können, erklärt Marianne Bokel.

Dem Mittelfelder Kurier gegenüber hat die zuständige Lehrerin Dorit Kersting eine vorläufige Beurteilung der neuen Schülerin abgegeben: Frau Bokel fällt es schwer, sich auf den Unterricht einzulassen. Anstatt Schritt für Schritt die Grundlagen der französischen Sprache zu erlernen, interessiert sie sich vor allem für die Übersetzung rechtspopulistischer Parolen. Aufgrund mangelnder Integrationsbereitschaft werde Marianne Bokel der Gastschülerinnenstatus wohl bald entzogen werden müssen.


Mittelfelder Kurier – aus Mittelfeld für Mittelfeld, wo die Welt noch zusammenhält

29. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #5

Tante Emma 2.0



Inspiriert von einem Berlin-Trip hat Emma Schmitz ihren Gemischtwarenladen umgestaltet. Vorn im Laden gibt es nun eine Sofaecke zum Getränke konsumieren. Damit, so die Ladenbesitzerin, wolle sie die Lücke schließen, die durch den Niedergang jeglicher lokaler Gastronomie entstanden sei. Aus den Lautsprechern erklingt elektronische Musik und ein bislang ungenutztes Hinterzimmer möchte Emma Schmitz künftig via Airbnb an Touristen vermieten.

Die Reaktionen auf die Neuerungen fallen unterschiedlich aus. Der Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, Winfried Hagemann, bezeichnet die neue Version des Tante-Emma-Ladens als weiteres Indiz für Mittelfelds zunehmenden Sittenverfall.

Die Lehrerin Dorit Kersting hingegen ist begeistert und möchte im Laden gern Konzerte und Lesungen veranstalten und auch Vorträge über vegane Ernährung halten. Und Dorit Kerstings Mitbewohner, Amir Barakat, einziger in Mittelfeld ansässiger Geflüchteter, freut sich, dass es im Ort endlich einen Club gibt. Er nennt Emma Schmitz’ Laden das Berghain von Mittelfeld.

Gar nicht angetan von den Veränderungen ist Marianne Bokel, Leiterin des örtlichen Seniorenheims. Sie sähe durch mögliche Touristen die Sicherheitslage und den sozialen Frieden gefährdet. Emma Schmitz weist solche Vorwürfe zurück und meint, dass der soziale Frieden wohl eher in Marianne Bokels Familie gefährdet sei. Handelte es sich bei dem ersten Interessenten, der in dem Hinterzimmer übernachten wollte, doch um Marianne Bokels Vater, Dietrich Bokel, der aus dem Seniorenheim ausgebüxt war, mit der Begründung, seine Tochter sei unerträglich dumm und wisse nicht, von wann bis wann Fidel Castro Reichskanzler war.


Mittelfelder Kurier – aus Mittelfeld für Mittelfeld, wo die Welt noch zusammenhält

23. Januar 2017

Twitterkratie

Twit|ter|kra|tie (die) (engl./griech.) Herrschaftsform, in der Regierende mit dem Volk über Mikrobloggingdienste kommunizieren

20. Januar 2017

So feiert Abraham Lincoln Donald Trumps Amtseinführung



Ex-Präsident Abraham Lincoln feiert die Amtseinführung des neuen Präsidenten Donald Trump nicht in Washington, sondern an einem Backsteinpfeiler in Berlin-Schöneberg.

18. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #4

Die Alten wandern ab



Während es andernorts die jungen Leute sind, die ländliche Regionen verlassen, sind es in Mittelfeld die alten Menschen, die abwandern.

Wenn ich in ein paar Jahren zum letzten Mal meinen Laden abgeschlossen hab, ziehe ich gleich tags drauf nach Göttingen oder Kassel oder gar nach Berlin, sagt Emma Schmitz, Besitzerin von Mittelfelds Gemischtwarenladen. Wenn ich nicht weggehe, lande ich am Ende noch bei der Bokel im Altenheim, bei der Bokel, dieser Nazischickse.

Marianne Bokel räumt in einem Telefonat mit dem Mittelfelder Kurier ein, in ihrem Seniorenheim Nachwuchsprobleme zu haben. Diese blöde Schmitz, diese ignorante Tante Emma vom Gemischtwarenladen, ist nicht die Einzige, die abhauen will, berichtet Marianne Bokel. Und wenn die Alten nicht bis zum Tod in Mittelfeld blieben, beschädige dies die hiesige Wirtschaftsordnung. Aufgrund der ungenutzten Heimplätze habe ich bereits eine Mitarbeiterin entlassen müssen, beklagt sich Marianne Bokel.

Und auch ihre Nichte Marion Bokel, Chefin des ortsansässigen Bestattungsunternehmens, fühlt sich von der sinkenden Seniorenzahl negativ betroffen. Zitat Marion Bokel: Erst bleiben die Seniorenheimzimmer leer und dann die Särge.

Im Kontrast dazu verzeichnet Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, keinen Rückgang an gefüllten Särgen. Die Zahl der Beerdigungen liege in seiner Gemeinde genauso wie die Summe der Gemeindemitglieder seit Jahren konstant bei Null.


Mittelfelder Kurier – aus Mittelfeld für Mittelfeld, wo die Welt noch zusammenhält

6. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #3

Ost oder West?



Eine Frage, die unsere Leserschaft umtreibt, lautet: Liegt Mittelfeld im Osten oder Westen Deutschlands? – Der Mittelfelder Kurier hat sich auf Recherche begeben.

Zuerst treffen wir Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes. Er bittet uns zum Interview in den Beichtstuhl, für den er aus Mangel an Gemeindemitgliedern sonst keine Verwendung hat. Der Pfarrer berichtet, momentan intensiv der Frage nachzugehen, welchem Bistum eigentlich seine Gemeinde angehört, weswegen ihm für solch weltliche Fragen wie nach Ost oder West die Kapazität fehle.

Unsere nächste Gesprächspartnerin ist Dorit Kersting. Die frisch mit dem Mittelfelder Gutmensch-Award ausgezeichnete Lehrerin sollte es als Bildungsvermittlerin doch wissen: Ost oder West, Frau Kersting? – Die Mittdreißigerin winkt ab. Ich mag nicht in Labels denken, sagt sie. Ost oder West, Nord oder Süd – mit solchen Einordnungen befasse ich mich nicht. Am Ende des Gesprächs aber lässt sie sich immerhin zu dem Statement hinreißen, dass Mittelfeld vermutlich in der Mitte Deutschlands zu verorten sei.

Im Anschluss haben wir einen Termin bei Marianne Bokel, der Leiterin des örtlichen Seniorenheims. Frau Bokel, die Alten um Sie herum, die meist ihr ganzes Leben in Mittelfeld verbracht haben, müssten den Ort doch ohne zu zögern dem Osten oder dem Westen zuweisen können. – Marianne Bokel schüttelt den Kopf. Da erwarten Sie zu viel von unseren Bewohnern, meint sie und stellt uns ihren fast 90-jährigen Vater Dietrich Bokel vor, der einst Bürgermeister von Mittelfeld war, politisch weit rechtsaußen gekickt hat, heute aber nicht mehr Adolf Hitler von Fidel Castro unterscheiden kann.

Nach dem Seniorenheim besuchen wir den Gemischtwarenladen von Emma Schmitz, die von den Kunden liebevoll Tante Emma genannt wird. Nach sieben Schnäpsen räumt sie ein, als IM Mittelfeldspielerin für die Stasi gespitzelt zu haben. Aber als IM war ich doch nicht in alles eingeweiht, sagt Tante Emma. Die Oberen hätten niemals durchblicken lassen, ob Mittelfeld im Osten und Westen läge.

Draußen vorm Laden begegnet uns Amir Barakat, Mittelfelds erster und bislang einziger Asylbewerber. Exklusiv fragen wir den Neubürger nach seiner Einschätzung: Befindet sich Mittelfeld im Osten oder Westen? – Der junge Mann antwortet, dass er Ostern besser findet als Western.


Mittelfelder Kurier – aus Mittelfeld für Mittelfeld, wo die Welt noch zusammenhält

2. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #2

Nafri-Kontrollen in Mittelfeld



Wie erst heute bekannt wurde, wurden in der Silvesternacht auch in Mittelfeld nordafrikanisch aussehende Männer kontrolliert. Die Kontrollen wurden allerdings nicht wie in Köln von der Polizei durchgeführt, sondern von der Mittelfelder Gefahrenabwehr (MGA), einer erst kürzlich gegründeten Bürgerwehr.

Die Polizei zeigt in Mittelfeld ja nur selten Präsenz, klagt Marianne Bokel, Betreiberin des örtlichen Seniorenwohnheims und Generälin der Bürgerwehr. Und wenn die Polizei versagt, müssen wir uns halt selbst schützen.

Gemeinsam mit ihrer Nichte Marion Bokel, Chefin des örtlichen Bestattungsunternehmens, patrouillierte Marianne Bokel an Silvester durch die Straßen Mittelfelds.

Gegen 23 Uhr dann sichteten die beiden Damen einen ihrer Einschätzung nach nordafrikanisch aussehenden Mann in Begleitung einer blonden Frau.

Wir haben sofort um die Sicherheit der blonden Frau gebangt, berichtet Marion Bokel.

Wie sich alsbald herausstellte, handelte es sich bei dem Mann jedoch nicht um einen Nordafrikaner, sondern um den Syrer Amir Barakat, den einzigen in Mittelfeld ansässigen Geflüchteten. Und bei der blonden Frau handelte es sich nicht um eine Frau, sondern um den deutschen Staatsbürger Dirk Kröger, der sich anlässlich einer Silvesterparty als Frau verkleidet hatte.


Mittelfelder Kurier – aus Mittelfeld für Mittelfeld, wo die Welt noch zusammenhält

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